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Zur Geschichte des Stadtteils

Von Amalienhof zu Heerstraße Nord
Geschichte der Großsiedlung – eine Geschichte der Bewohner

Magistratsweg/Heerstraße ca. 1968 „Erbaut von 1962 bis Anfang der 80er Jahre auf den Baulandreserven von landwirtschaftlichen Flächen und Gartenland, in drei großen, unterschiedlichen Bauabschnitten ...“ so kurz und spröde werden oft Veröffentlichungen zu den Wohnbauten beiderseits von Heerstraße und Magistratsweg eingeleitet.

Können solche Neubau-Großsiedlungen überhaupt schon eine erwähnenswerte Geschichte haben?

Offensichtlich sogar eine ganz interessante, wie sonst wäre zu erklären, dass seit gut fünf Jahren zwei Mal im Monat an Lokalgeschichte interessierte Frauen und Männer unter dem Dach des Gemeinwesenvereins zusammenkommen.

Entstanden sind Veranstaltungen, Ausstellungen und Geschichts-Talkrunden, die mit Unterstützung von QM und Gemeinwesenverein nicht nur im Kulturzentrum Gemischtes sondern inzwischen schon in vielen Ortsteilen Spandaus zu sehen oder zu erleben waren.

Angefangen hat es 2009 mit einer kleinen Bildershow zum 40. Jahrestag der Namensgebung für die Rudolf-Wissell-Siedlung, die besonders einige ältere Nachbarn vom Pillnitzer– oder Loschwitzer Weg interessierte, die schon als Erstmieter in das Torhaus oder die aufsteigenden Gebäuderiegel vom Senatsbaudirektor und Architekten Werner Düttmann eingezogen sind.

Mitgebracht haben sie Erinnerungen und Bilder die gezeigt haben, dass die obige Einleítung „Erbaut von ... auf landwirtschaftlichen Flächen...“ wenn, dann nur für den Teil südlich der Heerstraße und den westlichen Rand der Rudolf-Wissell-Siedlung zutreffend ist.

Auf der Nordseite der Heerstraße zwischen Obst- und Maulbeerallee sind schon Ende des 19. Jahrhunderts vom damaligen Besitzer des Guts Amalienhof Dr. Julius Lazarus 15 Doppelwohnhäuser mit kleinen Stallungen und Gärten sowie mehrere einstöckige Wohn- und Betriebsstätten für Gärtnereien und Handwerker errichtet worden. So ist bis in die 1960er Jahre auf Straßenplänen das Gebiet der heutigen Großsiedlung Heerstraße als Ortsteil Amalienhof bezeichnet.

Die Bewohner schlossen sich damals schon im „Bezirksverein Amalienhof“ zusammen, dem sich gerne in den folgenden Jahrzehnten die Ansiedler in den Wohnhäusern entlang von Magistratsweg, Cosmarweg und vor allem des noch durchgehenden Seeburger Wegs angeschlossen haben.

Mit geselligen Festen und Tanzvergnügen aber auch mit nachbarschaftlichen Hilfen, Austausch und Begegnungen war der Bürgerverein fast so etwas wie ein Vorläufer des Gemeinwesenvereins.

Die integrative Rolle dieses Vereins endete mit den ersten Nachkriegsjahren, als viele Hunderte von Flüchtlingen und Ausgebombten im Viertel vier Wände und ein Dach über dem Kopf fanden. Von den „Fremden“ in Nissenhütten, in ausgebauten Kleingartenvillen und in sechs lang gestreckten doppelstöckigen Behelfswohnbauten mit bis zu acht Aufgängen grenzte man sich deutlich ab.

Für die nicht wenigen Kinder der Notunterkünfte wurde sogar am Seeburger Weg eine erste Kindertagesstätte angeboten, die – wie alle anderen Gebäude, ob Villa, Doppelhaus oder Nissenhütte – dem Bau von Heerstraße Nord zwischen Maulbeer- und Obstallee weichen mussten.

Viele Familien aus den Abrisshäusern des Ortsteils haben in den bereits bezugsfertigen Wohnbauten der Ev. Hilfswerksiedlung und der GSW auf der Südseite der Heerstraße oder bei den Wohnungsbaugesellschaften der Wissell-Siedlung einen Platz in ihrem Kiez gefunden.

Trotz Marshallplan und massiver Wohnungsbauförderung mangelte es an angemessenem Wohnraum auch im Westen Berlins. Daher sind gerade junge Familien und tausende Mieter aus notdürftig von Kriegsschäden wieder hergerichteten Altbauwohnungen gerne in die modernen, komfortablen Wohnungen am grünen Stadtrand gezogen und oft auch hier geblieben. So gerne, dass all Jene, die nicht vom Wohnungsamt zugewiesen wurden, in Kauf nahmen, dass sie vor Einzug ein Mieterdarlehen an die gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften in Höhe von 5.000 - 8.000 DM zu leisten hatten.

Das änderte sich, als die großflächigen Kahlschlagsanierungen der 70er Jahre und die Zuzugssperren für sog. Gastarbeiterfamilien in Neukölln, Kreuzberg, Tiergarten oder Wedding viele Menschen eher unfreiwillig als Neumieter in die fertigen Wohnungen der letzten Bauabschnitte am Blasewitzer Ring, an Maulbeer- und Obstallee führte.

Gerade die kulturellen und sozialen Angebote des Gemeinwesenvereins, von ev. Kirche, Fördererverein und Ärztehaus im Gemeinwesenzentrum sowie der vielen anderen Vereine und Einrichtungen im Stadtteil tragen mit Projekten, Initiativen und mit viel ehrenamtlichem Engagement mit bei zu vielen Begegnungen über alle Teile der Großsiedlung und auch des Umfelds hinweg.




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